Trauer

Trauer in der Bibel

Trauer im Alten Testament ‎–‎ Mehr als nur ein Gefühl?

Trauer oder Traurigkeit?
Oft ist bei dem Gefühl von Verlust von Trauer die Rede. Im Alten Testament gibt es aber einen Unterschied zwischen Trauer und Traurigkeit, der auch im deutschen Sprachgebrauch existiert, selten aber differenziert wird. Traurigkeit meint das Gefühl, es kann auch ohne Verlust vorherrschen. Die Trauer kann selten ohne Traurigkeit stattfinden, ist aber kein Gefühl, sondern vielmehr die Reaktion auf einen Verlust oder eine enttäuschte Hoffnung. Doch welche Formen von Trauer gibt es im Alten Testament? (Erichsmeier 2021)

Individuelle vs. kollektive Trauer
Im Alten Testament begegnen uns sowohl die individuelle als auch die kollektive Trauer. Für die individuelle Trauer ist meistens der Tod Hauptanlass. Aber auch Abschiede von geliebten Menschen, Krankheit und selten auch lebensgeschichtliche Umbrüche können Anlässe für Trauer sein. Davon abgegrenzt zeigt sich die kollektive Trauer bei Anlässen, die eine Gemeinschaft betreffen. Dazu gehören Naturkatastrophen, politische bzw. militärische Ereignisse und der Tod eines Königs. Wie trauern Menschen im Alten Testament? (Kohlmoos 2012)

Trauer hat eine Stimme
In sprachlicher Form zeigt sich Trauer im Alten Testament durch sogenannte Leichenlieder. In diesen Liedern wurde das Leben einer verstorbenen Person oder das Schicksal einer zerstörten Stadt rückblickend besungen. Geschulte Personen trugen diese Lieder vor und die Trauergemeinschaft konnte mit Wehrufen ihrer Trauer Ausdruck verleihen. Auch heute findet Trauer ihren Ausdruck in Sprache: die Leichenlieder können z. B. mit Grabreden verglichen werden. (Kohlmoos 2012)

Trauer im Gesicht
Tränen, verzerrte Gesichtszüge, ein leises Weinen - Trauer erkennt man oft im Gesicht. Auch im Alten Testament finden sich dazu Belege, dass sich Trauer im Gesicht zeigt. Dabei kann die Trauer ganz still sein oder laut und heftig. Sie kann sogar zur völligen Erschöpfung führen. (Kohlmoos 2012)

Der Körper als Medium
Neben dem Gesicht dient der gesamte Körper als Medium zum Ausdrücken von Trauer. 

Im Alten Testament begegnen häufig sogenannte Selbstminderungsriten, die Trauer in den Körper einschreiben. Dazu gehören z. B.

  • das Zerreißen von Kleidung (Gen 37,7),
  • das Schneiden einer Rand- oder Stirnglatze (Lev 19,27 und Dtn 14,4),
  • das Entfernen des Bartes (Lev 21,5),
  • das Einritzen der Haut (Jer 16,6) oder
  • das Anlegen des śaq (Lendenschurz aus Ziegenhaar).

Diese Riten verdeutlichen: Die Trauer trifft den ganzen Menschen. (Kohlmoos 2012)

Fazit
Vergleicht man Trauerriten von damals und heute werden große Unterschiede deutlich, aber: Damals wie heute drücken Menschen ihre Trauer durch Worte, Mimik, Gestik und auch ihren Körper aus. Die ersttestamentlichen Texte ermöglichen einen leiblichen Zugang zu Formen von Trauer, die dabei helfen können, über das rein verbale Gespräch hinaus Trauer auszudrücken.

Quellen:
Erichsmeier, Frank: Trauer und Traurigkeit im Alten Testament (2021). URL: https://www.detmold-lutherisch.de/2021/10/trauer-und-traurigkeit-im-alten-testament/.
Köhlmoos, Melanie: Trauer (AT), in: WiBiLex (2012). URL: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/36154/.

Ein Funke Hoffnung ‎–‎ Trauern in der Bibel NT

Mit Blick auf das Neue Testament zeigen sich viele Parallelen zum Alten Testament, aber auch neue Perspektiven auf Trauer.

Gemeinsamkeiten AT und NT
Auch im Neuen Testament finden sich die aus dem Alten Testament bekannte Formen:

  • individuelle Trauer: „Jesus weinte.“ (Johannes 11,35) – am Grab des Lazarus.
  • kollektive Trauer: „Da werden heulen und wehklagen alle Stämme der Erde…“ (Matthäus 24,30)
  • Weinen: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ (Matthäus 26,75 – Petrus)
  • Klage-/Leichenlieder: „Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint.“ (Matthäus 11,17)

Trauer, aber auch irgendwie nicht
Aufgrund der Leidensgeschichte und des Todes Jesu im Neuen Testament kann man schnell vermuten, dass einem beim Lesen des Neuen Testaments Trauer sicher in diesem Kontext begegnet. Doch es findet sich erstaunlich wenig über Trauer und Tränen in Bezug auf Jesu Tod. Aber wieso? (Luther 2019)

Hoffnung!
Die Autoren des Neuen Testaments deuten Trauer im Licht der Auferstehung. Trauer nach Ostern ist deshalb keine hoffnungslose Trauer, sondern eine, die auf Hoffnung ausgerichtet ist. Trauer kann dadurch leichter getragen werden – und bleibt auch nicht für immer. Dadurch wird sie aber keineswegs verharmlost oder verdrängt. Im Gegenteil: Sie wird ernst genommen. Doch zugleich wird das Leben bejaht, weil die Hoffnung hilft, mit der Trauer umzugehen. Es geht also nicht um ein Kleinreden des Schmerzes, sondern um echtes Mitfühlen – und um den Zuspruch Gottes, der Hoffnung schenkt. (LThK 2009, S. 198)

Ein Beispiel: die Jünger
Auch die Jünger erleben zunächst tiefe Trauer über den Tod Jesu. Doch durch die Auferstehung wandelt sie sich: Sie wird zu einer lebendigen Hoffnung – weil der Tod nicht das letzte Wort behält (Joh 16,20–22). 

Mit Pfingsten schenkt Gott den Heiligen Geist als Zeichen und Zusage dieser Hoffnung (Eph 1,13–14). So verschwindet die Trauer nicht einfach – sie wird getragen von einer Kraft, die schon jetzt etwas von dem kommenden Guten erahnen lässt (Röm 8,18).

Trauer und Hoffnung
Auch die Jünger durchlaufen in der Zeit nach Jesu Tod und Auferstehung einen Prozess, in dem sie Unterschiedliches durchmachen: Angst, Lähmung, Zweifel … - und schließlich Freude und Hoffnung. Die Jünger zeigen, dass Glauben auch immer wieder ein Prozess des Zweifelns, der Angst, aber auch des Mutes zur Hoffnung ist.

Quellen:
Luther, Susanne: Weinen (Tränen), in: WiBiLex (2019). URL: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/neues-testament/weinen-traenen.
Trauer, in: LThK 10 (2009).

Trauer in den Religionen

Trauer im Judentum ‎–‎ Wie drücken Jüd:innen ihre Trauer aus?

Wie trauern Jüd:innen? Und gibt es vielleicht Gemeinsamkeiten in den drei abrahamitischen Religionen?

Die drei Trauerperioden
Im Judentum gibt es drei Perioden der Trauer, die nach der Beerdigung der/des Verstorbenen liegen. Diese heißen:

  • Schiwa (“Sieben”),
  • Schloschim (“Dreißig”) und
  • das erste Jahr.

Vor der Beerdigung gibt es aber auch Aninut, die Phase zwischen Tod und Beerdigung. In dieser Phase sind die Verwandten vom Beten, Tefillin anlegen und weiterem entbunden. Außerdem wird, wie es uns auch im Alten Testament begegnet ist, symbolisch die Kleidung zerissen, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. (Chabad.org)

Schiwa
Die erste Trauerperiode ist nach ihrer Dauer benannt - sieben Tage. In diesen sieben Tagen trauern die engsten Angehörigen zusammen und sitzen auf niedrigen Stühlen. Dabei verzichten sie auf Arbeit, Kosmetik, Rasuren, das Haareschneiden und jegliches Vergnügen. 

Freunde und Bekannte der Familie kümmern sich um Mahlzeiten und unterstützen die Familie bei dem Trauerprozess. Während der Schiwa gibt es aber noch weitere Praktiken, damit sich die Angehörigen der/des Verstorbenen ganz ihrem Gedenken und der Trauer um sie/ihn widmen können. Dazu gehören:

  • ein Minjan (drei tägliche Gebete der Trauernden),
  • fünf Gedenkkerzen, die die Gegenwart Gottes verdeutlichen,
  • das Verdecken von Spiegeln und weitere Praktiken.

Der Schabbat wird jedoch nicht ausgesetzt. Die Angehörigen unterbrechen ihr Trauern und nehmen an Gottesdiensten teil. (Chabad.org und Zentralrat der Juden in Deutschland)

Schloschim
Schloschim, die zweite Trauerphase, dauert insgesamt bis zum 30. Tag nach der Beerdigung. In der Zeit integrieren sich die Angehörigen der/des Verstorbenen wieder in den Alltag. Sie schneiden sich allerdings weiterhin weder die Haare noch rasieren sie sich. Auch dieses Trauerritual kennen wir aus dem Alten Testament.
In manchen Gemeinden wird der Grabstein bereits nach Schloschim auf das Grab gesetzt, in anderen Gemeinden erfolgt dies erst nach einem Jahr. (Chabad.org und Zentralrat der Juden in Deutschland)

Das erste Jahr
Versterben die Eltern, dauert die Trauer ein gesamtes Jahr. Neben den anderen Phasen und ihren Ritualen werden bis zur Vollendung des “Ersten Jahres” Feierlichkeiten vermieden. Genau ein Jahr später, am Todestag, wir das Kaddisch (“Heiligung”) gesprochen und das Grab des/der Verstorbenen besucht. (Zentralrat der Juden in Deutschland)

Und im Religionsunterricht?
Die drei abrahamitischen Religionen zeigen in ihren Trauerriten deutliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.
Die Chance für den Religionsunterricht besteht darin, die Gemeinsamkeiten hervorzuheben, ohne die Unterschiede außenvorzulassen. Denn Vielfalt ist eine Bereicherung und hilft, sich mit dem eigenen Glauben und der Glaubenspraxis auseinanderzusetzen.

Quellen:
Chabad.org: Die Grundlagen. Die Schiwa und andere Trauervorschriften. URL: https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/1062067/jewish/Die-Grundlagen.htm
Zentralrat der Juden in Deutschland: Tod und Trauer im Judentum. URL: https://www.zentralratderjuden.de/judentum/riten-gebraeuche/tod-und-trauer-im-judentum/‎

 

Trauer im Islam ‎–‎ Rituale & Traditionen des Ausdrucks von Trauer

Wie trauern Muslim:innen? Welche Rituale gibt es? Finden sich möglicherweise Gemeinsamkeiten zur Trauer in der Bibel?

Trauer im Islam
Auch wenn sich im Islam einheitliche religiöse Rituale zur Trauer bei einem Todesfall finden, haben sich viele unterschiedliche Traditionen im arabischen, ägyptischen und türkischen Raum entwickelt. Es gibt also nicht die eine Art zu trauern.Gemein ist die dreitägige Trauerzeit nach dem Tod, in der Angehörige, Freunde und Bekannte Beileidsbesuche abstatten. Dabei werden Gebete gesprochen und aus dem Koran rezitiert. (Wechner)

Die Trauerzeit im Islam
Insgesamt dauert die Trauerzeit in der ägyptischen Tradition 40 Tage. In der türkischen Tradition beträgt die Zeit 52 Tage. Zum Abschluss der gesamten Trauerzeit wird ein Familienessen abgehalten, das Grab der verstorbenen Person besucht und Spenden verteilt. Welche weiteren Rituale drücken Trauer aus? (Wechner)

Das Ashura-Ritual
Das sogenannte Ashura-Ritual wird von schiitischen Muslim:innen bei Trauer vollzogen. Dabei schlagen sich Schiit:innen auf die Brust, um dem Leiden verstorbener Imame zu gedenken. Das Ritual, sich auf Brust oder Lenden zu schlagen, findet sich auch in der alttestamentlichen Tradition und markiert eine Gemeinsamkeit im Ausdruck von Trauer, z. B. in Ez 21,17: "“Schrei und heule, Menschensohn! Denn es hat sich gegen mein Volk gerichtet, gegen alle Fürsten Israels. Dem Schwert sind sie verfallen mit meinem Volk. Darum schlag auf die Hüfte!” (Guschas 2008)

Klageweiber
Und auch die Klageweiber, die sowohl im Alten als auch im Neuen Testament bezeugt sind, findet man in muslimischen Traditionen. Bei einigen muslimischen Beerdigungen von Algerier:innen werden teilweise in schwarz gekleidete Klageweiber engagiert. (Guschas 2008)

Und was jetzt?
Die Trauerriten des Christentums und des Islams weisen Gemeinsamkeiten auf und laden so dazu ein, auch im Religionsunterricht darüber ins Gespräch zu kommen. Das Judentum sollte dabei nicht ausgeklammert werden.

Quellen:
Guschas, Thilo: Trauerkultur im Islam. Wie Muslime in Deutschland mit dem Tod umgehen, in: Deutschlandfunk Kultur (2008). URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/tod-und-trauer-im-islam-100.html.
Wechner, Hannes: Tod und Trauer im Islam. Schulpastoral Diözese Innsbruck.

Christliche Verantwortung bei Trauer

Krankensalbung & Sterbesegen ‎–‎ das vergessene Sakrament und die Hoffnung

Nähe zu Kranken: eine christliche Kernpraxis
Krankheit, Sterben und Tod gehören zum menschlichen Leben. Trotzdem machen sie uns sprachlos, hilflos und ängstlich. 

Durch die Jahrhunderte hindurch haben sich Christ:innen immer wieder auf unterschiedliche Weise damit auseinandergesetzt und die Kirchen haben Rituale entwickelt, um diese Auseinandersetzung zu begleiten, z. B. im Sakrament der Krankensalbung oder mithilfe des Sterbesegens.

Die Nähe zu kranken Menschen gehört von Anfang an zu den christlichen Kernpraktiken: Jesus suchte die Nähe von Kranken und Ausgegrenzten. Die Jünger "salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie". (Mk 6,13)

Biblische Grundlagen der Krankensalbung
Kranke und Sterbende zu begleiten ist daher keine Nebensache. Es ist ein zentraler Ausdruck christlichen Glaubens und biblisch grundgelegt. Ein besonders wichtiger Text steht im Jakobusbrief:
"Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben." (Jak 5,14f. EÜ)

Biblisch verbindet die Krankensalbung Gebet, Salbung und die Hoffnung auf Heilung.

Krankensalbung: mehr als die letzte Ölung?
Wenn man von der Krankensalbung spricht, dann oft als sogenannte "Letzte Ölung". Lange Zeit wurde sie fast nur Sterbenden gespendet. Erst im 20. Jahrhundert im Umfeld der Liturgischen Bewegung und dann auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde wieder stärker betont: Die Krankensalbung ist kein reines Sterbesakrament, sondern ein Sakrament für kranke und geschwächte Menschen.

Das Sakrament will stärken, trösten und Gottes Nähe erfahrbar machen oder zumindest zusagen. Deshalb stellt sich die Frage, "ob die Krankensalbung nicht viel häufiger gespendet werden sollte, um zu einem ‘alltäglichen’ Sakrament zu werden." (Brand 2022, S. 291-295, 294)

Warum eigentlich eine Salbung mit Öl?
Das Öl ist ein starkes, biblisches Symbol:

  • ein Zeichen von Heilung,
  • ein Zeichen der Stärkung sowie
  • ein Zeichen von Würde und Zuwendung.

Öle und Salben waren kostbar und sind auch heute im Alltäglichen Teil der Körperhygiene: Salben unterstützen bei der Heilung von Wunden, sie pflegen und reinigen.

Krankheit - Tod - Hoffnung
Wenn aus schwerer Krankheit das Leben zu Ende geht, dann finden viele Angehörige und Begleitende kaum Worte. Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit machen sich breit.
​​​​​Wie lässt sich dieser Prozess auch liturgisch begleiten? Für diese Situationen gibt es in der Kirche ein Ritual: die Feier des Sterbesegens. (Die Feier des Sterbesegens. Ausgabe Bistum Essen, 2022)

Der Sterbesegen richtet nicht nur den Blick auf den Abschied, sondern auch auf die Hoffnung: "Die Feier des Sterbesegens stellt aber auch das einmalige Leben als wertvoll heraus und bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Mensch mit allem, was ihn und sein Leben ausgemacht und geprägt hat, bei Gott zu einem guten Ende findet, dass er aufersteht." (aus dem Vorwort von Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen)

Die Feier des Sterbesegens

Das Bistum Essen hat 2022 eine überarbeitete Ausgabe dieser Segensfeier veröffentlicht. Die Feier soll Menschen helfen,

  • Sterbende bewusst zu begleiten,
  • Worte und Gesten als Ausdrucksformen zu finden und
  • den Raum auch für die Trauer der Angehörigen zu öffnen.

Die Handreichung bietet dafür

  • einen klaren Ablauf,
  • biblische Texte,
  • Gebete,
  • Varianten für besondere Situationen (z. B. bei einem Suizid),
  • unterschiedliche Übersetzungen sowie
  • eine Variante in leichter Sprache.

Gegen die Sprachlosigkeit?
Der Umgang mit Tod und Trauer bringt Menschen immer wieder an ihre Grenzen. Christliche Trauerrituale wie das Sakrament der Krankensalbung und die Feier des Sterbesegens können Menschen bei der Begleitung Kranker und Sterbender auch durch nicht-sprachliche Ausdrucksformen unterstützen.

... und im RU?
Die Auseinandersetzung mit der Krankensalbung und dem Sterbesegen in religiösen Bildungsprozessen könnte zur Sprach- und Ausdrucksfähigkeit beitragen - besonders im Wissen um die Grenzen des Sagbaren.

Quellen:
Brand, Fabian: Theologische Fragen. 55 Antworten zum katholischen Glauben, Paderborn 2022.
Die Feier des Sterbesegens. Ausgabe für das Bistum Essen, Ostfildern 2022.

Sorgentelefone ‎–‎ Ausdruck christlicher Verantwortung

Trauer, Krisen und Zweifel ...
... sind belastend genug. Darüber zu sprechen fällt vielen Menschen zusätzlich schwer. Sorgentelefone bieten die Möglichkeit, anonym, unverbindlich und kostenlos mit einer geschulten, häufig ehrenamtlich tätigen Person zu sprechen. 

Was hat das Thema mit dem RU zu tun? Eine Studie untersucht zu diesem Thema mit welchen Anliegen sich Menschen an die TelefonSeelsorge wenden und welche Bewältigungsstrategien dabei sichtbar werden.

Beobachtungen
Die Autor:innen stellen fest, dass der Bedarf an spezifischer Beratung immer mehr ansteige. Auffällig sei, dass die zunehmende Individualisierung zwar mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die einzelnen Menschen eröffne, es allerdings auch dazu führe, dass Menschen Unsicherheiten, Überforderung und innere Widersprüche zunehmend allein bewältigen müssen. Auch nehmen Belastungen wie Einsamkeit, soziale Isolation und das Gefühl von Überforderung durch das Fehlen von stabilen sozialen Strukturen deutlich zu. (Hoff/Rohleder 2019, S. 356f.)

Telefonische Seelsorge ...
... böte vor allem eine niedrigschwellige Möglichkeit, überhaupt in Beziehung zu treten und sich in der eigenen Existenz wahrgenommen zu fühlen. Dabei gehe es nicht im Vordergrund um die konkrete Problemlösung, sondern vor allem um emotionale Entlastung und Anerkennung der Belastung. Anonymität, ständige Erreichbarkeit und unbegrenzte Zuständigkeit begünstigen laut den Autor:innen, dass Menschen ihre Hoffnungen auf Trost und Unterstützung gezielt auf dieses Angebot der Seelsorge richten. (Hoff/Rohleder 2019, S.360f.)

Beispiel TelefonSeelsorge®
Die größte deutschlandweite Organisation ist die TelefonSeelsorge® Deutschland: "Wir, die TelefonSeelsorge® Deutschland, bieten allen Menschen Unterstützung an, die einsam sind oder trauern, in einer Lebenskrise stecken oder von Suizidgedanken gequält werden."

"Sie erreichen uns möglichst unkompliziert telefonisch, per Mail oder Chat und in über 20 Städten auch persönlich. Immer ist unsere Beratung anonym und kostenfrei. Unsere Arbeit wird von den christlichen Kirchen in Deutschland getragen. Sie ist Ausdruck der seelsorglichen Verantwortung der evangelischen und katholischen Kirche."

"Wir wollen Menschen eine Entlastungsmöglichkeit bieten, wenn das Leben für sie schwierig wird. Unsere Motivation dafür kommt aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe und dem humanen Anspruch der Solidarität mit unseren Mitmenschen.”

“Deshalb stehen wir zur Verfügung: mit unseren offenen Ohren und Herzen und mit einer vorurteilsfreien, empathischen und zugewandten Haltung."

Dieses Thema eignet sich auch für den RU, da es zentrale Fragen menschlicher Existenz mit konkreter kirchlicher Praxis verbindet. (Telefonseelsorge®)

Im RU
Schülerinnen und Schüler begegnen hier einem lebensnahen Beispiel dafür, wie christlicher Glaube in Krisensituationen wirksam werden kann. Deutlich wird es zum einen in dem Zitat der TelefonSeelsorge®:" Unsere Motivation dafür kommt aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe und dem humanen Anspruch der Solidarität mit unseren Mitmenschen." Zum anderen haben die Autor:innen der Studie festgestellt, dass das Theologische in dem Gespräch kaum direkt thematisiert wurde, die grundlegende Bedeutung von christlicher Seelsorge im kollektiven Unterbewusstsein eine Rolle spiele. (Telefonseelsorge®)

Anknüpfung im RU
Christliche Ethik: Die Arbeit der TelefonSeelsorge macht deutlich, wie das christliche Gebot der Nächstenliebe praktisch umgesetzt wird. Seelsorge wird hier nicht theoretisch, sondern als gelebte Solidarität erfahrbar.
Kirche als Institution: Viele Jugendliche nehmen Kirche vor allem als Institution wahr. Die TelefonSeelsorge® zeigt eine andere Seite: Kirche als Ort von Begleitung, Trost und Unterstützung.

Buchtipp
Das Café der Unsichtbaren von Judith Kuckart erzählt von sieben Menschen, die sich in der Ausbildung für ein Sorgentelefon engagieren und erfahren, wie Zuhören Trost spendet und Lebensgeschichten neuen Sinn geben kann.
Es eignet sich für den RU, weil es zentrale Themen wie Nächstenliebe, Seelsorge, Einsamkeit und die Würde jedes Menschen anschaulich und lebensnah behandelt.
Die theologische Dimension wird dabei nicht ausdrücklich in den Vordergrund gestellt, sondern zeigt sich indirekt im konkreten Handeln – und macht so deutlich, wie sich christliche Bezüge im Alltag zeigen.

Quellen:
Hoff, Walburga/Rohleder, Christiane: TelefonSeelsorge als Beratungsangebot in einer pluralisierten Gesellschaft, in: Pastoraltheologie 108,9 (2019), S. 338-364. URL: https://kidoks.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/5241/file/Hoff_et-al_Telefonseelsorge.pdf.
TelefonSeelsorge®. URL: https://www.telefonseelsorge.de/ueber-uns/.