Jesus in evangelikalen Bewegungen
Besonders große Bedeutung hat Jesus in evangelikalen Bewegungen. Evangelikale Jesus- und Bibelfrömmigkeit zeigt sich in
- emotional mitreißenden Anbetungs-/Lobpreissongs,
- starken Erlebnissen des Ergriffenseins,
- besondere Bewusstseinszuständen und
- Erkennung von Zeichen sowie Wundern.
Diese Bewegungen sind international und beschränken sich nicht nur auf eine Religion. Historisch kommen sie aus dem protestantisch-reformatorischen Kontext.
Charakteristika
Der britische Historiker David W. Bebbington definiert Charakteristika evangelikaler Bewegungen:
- Bekehrung
- Biblizismus
- Kreuzeszentrierung
Wichtig: Evangelikalismus lässt sich nicht durch eindeutige Kriterien zuordnen. Exemplarisch können allerdings vier Typen anhand ihres Christusverständnisses benannt werden.
1. Der klassische Typus
Er stellt den Hauptstrom der evangelikalen Bewegungen dar. Seine starke Christuszentriertheit ist in seinen Basissätzen zu erkennen: "Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht. (...) Jesus Christus, durch Gott von den Toten auferweckt, ist der einzige Weg zu Gott. Der Mensch wird allein durch den Glauben an ihn durch Gottes Gnade gerecht gesprochen.“
2. Der bibelfundamentalistische Typus
Dieser Typus zeichnet sich durch eine streng konservative theologische Haltung aus: Er vertritt die absolute Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Bibel und lehnt die historisch-kritische Bibelforschung ab. Die Bibel gilt ihm als unfehlbarer Gegenstand des Heilsglaubens. In gesellschaftlichen Fragen positioniert er sich klar gegen Themen wie Evolutionslehre, Abtreibung, Pornografie, Feminismus oder Gender-Debatten.
3. Der Emerging-Church-Typus
Er verbindet evangelikale und pfingstlich-charismatische Prägungen mit einer offenen, kontextsensiblen Theologie, die sich durch Pluralität, Partizipation und narrative Ansätze auszeichnet. Im Gegensatz zu exklusivistischen Strömungen vertritt er einen Heilsinklusivismus, der die Einzigartigkeit Jesu Christi betont, ohne andere Religionen pauschal auszuschließen. Konservative Evangelikale sehen diese Bewegung eher kritisch, da sie ihn als zu modernitätsaffin wahrnehmen. Er ist offen für historische Bibelforschung und moderne Jesusforschung, was ihn von traditionellen evangelikalen Positionen abgrenzt. Daher nennt er sich auch postevangelikal.
4. Der pfingstcharismatische Typus
Dieser pfingstlich-charismatische Typus ist geprägt von einer geistzentrierten Frömmigkeit, die sich auf die Charismen und die Wirkung des Heiligen Geistes konzentriert.
Sein Glaubensfundament bilden vier christologische Kardinallehren:
- Jesus rettet,
- tauft mit dem Heiligen Geist,
- heilt und
- wird wiederkommen.
Diese Lehren sind eng mit pastoralen Handlungszusammenhängen verknüpft und prägen die Frömmigkeit pentekostaler Bewegungen.
Was eint sie?
Alle Bewegungen haben gemeinsam, dass das Bekenntnis zu Christus und das Verständnis der Heiligen Schrift eine zentrale Rolle spielen. Das evangelikale Konzept einer besonders ausgeprägten Jesusfrömmigkeit kann einen authentischen Weg zum christlichen Glauben darstellen. Warum ist es wichtig sich aufmerksam und reflektiert mit evangelikalen Bewegungen auseinanderzusetzen?
Dafür gibt es mehrere Gründe!
Überzogene Heilungsversprechen verleugnen die Gebrochenheit und Begrenztheit menschlichen Lebens und verharmlosen sie. Religiöse Gewissheiten können einerseits Orientierung geben, aber gleichzeitig in dualistische Denkweisen oder Weltsichten münden. Begeisterung kann in Fanatismus umschlagen. Religiöse Hingabebereitschaft kann ausgenutzt und missbraucht werden. Ein Sendungsbewusstsein kann zu einem zu engen Selbstverständnis führen. Dies macht deutlich, dass sich evangelikale Bewegungen in ihren Ausprägungen ganz unterschiedlich auf dem Spektrum bewegen können. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst mit den verschiedenen Ausprägungen auseinanderzusetzen – und die eigene Haltung zu reflektieren.