Ein Bild ...
Der 22-jährige Künster Ronald Harrison malte im Jahr 1962 zur Zeit der rassistischen Apartheid in Südafrika ein Bild, dass zu einem Symbol der Widerstandsbewegung wurde: The Black Christ - der Schwarze Christus. Darauf ist ein gekreuzigter Christus zu sehen mit schwarzer Hautfarbe und in Gestalt Albert Luthulis' sowie eine colored Madonna und ein asiatischer Johannes. Die zwei römischen Soldaten symbolisieren den damaligen Premierminister Hendrik Vorwoerd und den Justiz- und Polizeiminister John Vorster. (vgl. Wagner 2025) Wer war Albert Luthulis?
... und seine Kontexte
Albert John Luthuli (1952-1967) war zu dieser Zeit der Präsident der Befreiungspartei African National Congress (ANC) und friedlicher Kämpfer gegen die damalige Rassentrennung. Im Jahr 1961 erhielt er den Friedensnobelpreis - als erster afrikanischer Nobelpreisträger bis zu diesem Zeitpunkt. Das Bild eröffnet insbesondere wegen seines Kontextes eine rassismuskritische Perspektive auf das Christentum. Was ermöglicht eine solche Perspektive auf die Jesusbilder für uns heute?
Welche Jesusbilder prägen uns?
Welche Bilder prägen unser Jesus-Bild? Die langen Haare? Bart? Augen-, Haut und Haarfarbe? Viele Menschen stellen sich Jesus immer noch als weißen Mitteleuropäer mit langen, vielleicht sogar blond-gelockten Haaren vor. Unterschiedlichste Medien aus Kunst, Kultur und Kirchen - und neuerdings auch die ki-generierten Bilder und Videos von Jesus - prägen solche Bilder und tradieren diese weiter.
Jesusbilder - rassismuskritisch gelesen
Bilder, wie “Black Christ” des Künstlers Ronald Harrison, verfremden unsere geprägten Bilder von Jesus und regen dazu an, diese zu hinterfragen oder sogar zu verändern. In den Reflexionen über diese Prägungen und besonders über die Verzerrungen von Jesusbildern liegt viel Potenzial für ein rassismuskritisches und dekoloniales (Weiter-)Denken. So ließe sich fragen, ob Jesus heute nicht selbst zu denen zählen würde, “die rassistisch markiert und damit ‘verandert’ (ge-othered) werden” (Wagner 2025).
Epistemische Ungerechtigkeit
In diesem Zuge wird gegenwärtig im Diskurs von der sogenannten "epistemischen Ungerechtigkeit" (Miranda Fricker) gesprochen. Davon gibt es zwei Formen. Zeugnisungerechtigkeit: Menschen aus bestimmten sozialen Gruppen wird aufgrund von Vorurteilen weniger oder keine Glaubwürdigkeit zugeschrieben. Hermeneutische Ungerechtigkeit: Menschen aus bestimmten sozialen Gruppen haben nicht die Möglichkeit, "ihre Erfahrungen zu verstehen oder auszudrücken, weil bislang die gesellschaftlichen Begriffe und Diskurse fehlen, um dieses Wissen zu artikulieren." (Wagner 2025) Das Gemälde von Ronald Harrison stellt eine solche Möglichkeit der künstlerischen Artikulation dar.
Dekoloniale Theologien
In einer rassismuskritischen und dekolonialen Theologie werden solche epistemischen Ungerechtigkeiten innerhalb der theologischen Tradition und Hermeneutik aufzudecken versucht. Marita Wagner spricht dabei in ihrem Artikel von der "anwesende[n] Abwesenheit alternativer Jesusdarstellungen" (Wagner 2025), auf die Ronald Harrison aufmerksam macht.
Jesusbilder im RU
Im RU kann die Arbeit mit dem Gemälde von Ronald Harrison nicht nur einen dekolonialen Zugang zum Thema Apartheid sondern auch zur Frage neue Denkanstöße geben, welche Jesus-Bilder uns, jede:n einzelne:n Schüler:in und auch die Kirchen prägen. Gerade die Interpretation von Gemälden in ihren politisch-kulturellen und historischen Kontexten eröffnet Anschlusspunkte, um über epistemische Ungerechtigkeiten und die Frage nach der Deutungsmacht zu diskutieren.